Rückkehr aus Amberg nach Prag.

Restitution eines 1943 entwendeten historischen Dokuments aus der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs durch die Staatlichen Archive Bayerns.

In der Residenz des Prager Oberbürgermeisters übergaben die Staatlichen Archive Bayerns am 27. Januar 2025 der Stadt Prag ein historisches Dokument, das 1943 von den Nationalsozialisten aus dem Stadtarchiv Prag entwendet und nach Deutschland verbracht worden war. Gemeinsam mit diesem Dokument, das seitdem im Staatsarchiv Amberg verwahrt wurde, übergaben auch das Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Generallandesarchiv Karlsruhe, und das Fürstlich und Gräflich Fuggersche Stiftungsarchiv jeweils ein weiteres Dokument, das bei der derselben Aktion entwendet worden war. Der Vorgang selbst war erst durch ein Provenienzforschungsprojekt des Landesarchivs Baden-Württemberg 2022 aufgedeckt worden und führte zu kooperativen Bemühungen, dieses historische Unrecht wiedergutzumachen.

Kunstminister Markus Blume: „Restitution ist gelebte Praxis in Bayern! Ich freue mich sehr, dass ein bedeutsames Schriftstück aus der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs an seinen rechtmäßigen Platz in Tschechien zurückkehrt. Mit der Rückgabe setzen wir ein klares Zeichen: Gerechtigkeit kennt kein Verfallsdatum. Durch Kooperation und gemeinsame Expertise können wir Brücken von der Vergangenheit in die Gegenwart und über Ländergrenzen hinweg schlagen. Herzlichen Dank an die Provenienzforscherinnen und -forscher in Bayern, Baden-Württemberg und Tschechien für die enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit.“

Auch der Oberbürgermeister der Stadt Prag, Bohuslav Svoboda, würdigte diesen Schritt: „Die Rückgabe historischer Dokumente ist nicht nur ein wichtiger Schritt im Prozess der Restitution wertvoller historischer Artefakte, sondern auch eine Bestätigung der Bedeutung und des Wertes von Archivsammlungen für die heutige und zukünftige Generation. Diese außergewöhnliche Rückgabe von Archivgut erinnert uns einmal mehr daran, wie wichtig die Pflege des kulturellen Erbes und der Archivalien ist, die für das Verständnis unserer Geschichte von zentraler Bedeutung sind. Ich freue mich sehr, dass wir diese wertvollen Dokumente an ihren ursprünglichen Ort zurückbringen und sie Experten zum Studium zur Verfügung stellen können“. Andreas Künne, Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Prag, betonte: „Kulturgüter sind mehr als nur materielle Objekte. Sie sind Träger von Geschichte, Identität und kollektiver Erinnerung. Doch viele von ihnen sind unrechtmäßig über Grenzen hinweg verschoben, sind geraubt worden. Ihre Rückgabe ist daher nicht nur eine rechtliche Frage, sondern auch eine der moralischen Gerechtigkeit.“

Das Dokument aus dem Staatsarchiv Amberg ist ein teilweise verschlüsseltes Schreiben des kurpfälzischen Beamten Johann Albrecht Graf von Solms-Braunfels an Fürst Christian I. von Anhalt-Bernburg, den Statthalter des Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz (des sog. Winterkönigs) in der Oberpfalz. Der Gesandte berichtet am 26. August 1619 in französischer Sprache von seinen Bemühungen, die zwei Tage später erfolgte Wahl des Habsburgers Ferdinand II. zum deutschen Kaiser zu verhindern. Als einziger sollte Graf Solms in Vertretung seines Herren gegen den Habsburger stimmen. Das Schreiben war Teil der persönlichen Korrespondenz Christians von Anhalt, die er offenbar von Amberg nach Prag mitnahm und bei seiner Flucht nach der verlorenen Schlacht am Weißen Berg 1620 dort zurücklassen musste.

Die Rückgabe dieses Stücks an das Stadtarchiv Prag erfolgt aus dem Bemühen nach fairen und gerechten Lösungen im Umgang mit Kulturgütern, die von den Nationalsozialisten widerrechtlich ihren Eigentümern entwendet worden sind. Der Generaldirektor der Staatlichen Archive, Dr. Bernhard Grau, betonte, „dass uns die Verbrechen des NS-Staats auch 80 Jahre nach Kriegsende weiterverfolgen und deshalb alles daran gesetzt werden muss, deren Folgen wiedergutzumachen. Die mit Unterstützung des tschechischen Generalkonsulats in München gefundene Lösung ist aber zugleich Ergebnis der fest etablierten ausgezeichneten Zusammenarbeit mit Tschechien und den dort beheimateten Archiven.“

 

Mehr Information im Beitrag von Radio Prague International: Drei Urkunden aus dem Dreißigjährigen Krieg kehren aus Bayern nach Prag zurück.

 

Pressefotos

BU 1: Der Prager Oberbürgermeister Bohuslav Svoboda und Generaldirektor Dr. Bernhard Grau unterzeichnen das Übergabeprotokoll (Foto: Magistrat der Stadt Prag).

BU 2: (v.l.n.r.) Dr. Andreas Neuburger (Landesarchiv Baden-Württemberg), Bohuslav Svoboda (Oberbürgermeister der Stadt Prag), Dr. Bernhard Grau (Generaldirektor der Staatlichen Archive) und Dr. Stefan Birkle (Fürstlich und Gräflich Fuggersche Stiftungs-Administration) (Foto: Magistrat der Stadt Prag).

BU 3: Schreiben des Grafen von Solms mit verschlüsselten Textstellen. Die Dekodierung ist zwischen den Zeilen zu lesen. Staatsarchiv Amberg, Fürstentum Obere Pfalz, Regierung – Dreißigjähriger Krieg 3735 (Foto: Staatliche Archive Bayerns).

BU 4: Letzte Seite des Schreibens mit den Eigentumsstempeln des Stadtarchivs Prag. Staatsarchiv Amberg, Fürstentum Obere Pfalz, Regierung – Dreißigjähriger Krieg 3735 (Foto: Staatliche Archive Bayerns).

BU 5: Begleitschreiben des Generaldirektors der Staatlichen Archive Bayerns Dr. Josef Franz Knöpfler, mit dem das Dokument 1943 von München aus an das Staatsarchiv Amberg übermittelt worden ist. Staatsarchiv Amberg, Altregistratur (Foto: Staatliche Archive Bayerns).

 

Erstellt am 03.02.2025